Wie feiern die Deutschen? - "TYPISCH DEUTSCH"

Bild: Werner Weber
Bild: Werner Weber

Autor: Henri du Vinage

Buchprojekt "Typisch Deutsch"

Testleser Rückmeldung

2022

 

Vor langer Zeit betrieben wir zwei Spezialitätenkneipen in Brasilien. Unsere Leckerbissen mussten typisch deutsch sein, so wie auch alles Andere. So stellten wir uns die Frage: „Wie sehen die Brasilianer den typischen Deutschen?“ Die Antwort lautete: Der deutsche Mann trägt Lederhose, trinkt den ganzen Tag Bier, singt Sauflieder und verspeist Haxe oder Wurst. Von der deutschen Frau weiß man wenig, aber sie trägt Dirndl, ihre langen blonden Haare verzaubern die Männer und sie heißt Loreley. 

Haben Sie schon einmal einen Berliner mit Lederhose gesehen und eine Brasilianerin mit portugiesisch-afrikanisch-indianischen Wurzeln mit blonden Haaren? Wohl kaum. Es sei denn, dass du uns in Brasilien besucht hättest. Da standen wir nun stolz hinter dem Tresen in Lederhosen, Dirndl und Kniestrümpfen. Meine Frau weigerte sich, ihre schwarze Lockenpracht zu färben. Der Wille, originell zu sein, zählte. Für mich war es einfach. Damals waren die Haare noch blond, die Augen blau und so eine Art Kaiser-Wilhelm-Bart en miniature spross auf der Oberlippe. Die Gerichte waren typisch deutsch. Bratwurst, Eisbein und Sauerkraut servierten wir kontaktfördernd auf einem kollektiven Teller. Die Bratwurst in mundgerechte Stücke portioniert, das Eisbein am Tisch in essfertigen Portionen entbeint und jeder Kunde wurde mit einer Gabel bewaffnet. Dazu floss das Bier in Strömen. 

Zu fortgeschrittener Stunde fragten uns die Gäste aus. „Wie ist das mit der Mauer?“ „Ist Berlin eine Insel?“ „Wann kommt die Wiedervereinigung?“ Die letzte Frage beantwortete ich immer: „Das werden wir wohl nicht erleben.“ Ein Jahr später waren die Grenzen offen und Mauersteine zierten die Wände unserer Pinte, weckten Neugier und motivierten zu Diskussionen. Das Gelächter schallte durch die Gasse, wenn wir Schimpfwörter austauschten. Die romanischen Sprachen geben da mehr her, als die deutsche Ausdrucksweise. Wir vollbrachten wahre Sprachwunder. Linguisten hätten vor Freude Schuhplattler getanzt.

Einige Beispiele zum Üben. Sprechen Sie laut, energisch und extrem wütend nach: „Du Bommerlunder!“ Die drohende Gestik fehlt. Noch ein Versuch: „Du Bommerlunder!“ Das nächste Schimpfwort: „Du Wacholder!“ Ein neuer Sprachgebrauch war geschaffen. Aus dem oft Benutzten: „Filha da puta (Hurensohn)“ wurde: „Du Bommerlunder!“. Das klang Angst einflößend.

Alle lieben die deutschen Feste. Viele regionale Feiern locken die Menschen aus nah und fern an. In den Weinregionen laden die Winzer zu ihren Geselligkeiten ein, um den neuen oder alten Wein zu verkosten. Das Kirchweihfest findet im Oktober in den süddeutschen und katholisch geprägten Gebieten statt. Bei diesem ursprünglich religiösen Fest, am Tag der Konsekration der Kirche, zelebrieren die Menschen die alten Bräuche und Rituale. Der verzierte Kirmesbaum wird aufgerichtet und dann feiern Gläubige und Ungläubige tagelang. Verwirrend sind die unterschiedlichsten Bezeichnungen für dieses Event: Kerb, Kerm, Kerwe, Kier und so weiter und so fort. Das allergrößte Fest ist das Münchener Oktoberfest.

Das Oktoberfest

Das deutsche Oktoberfest erobert die Welt. In der chinesischen Stadt Qingdao feiern über drei Millionen Menschen und in der kanadischen Provinz Ontario schunkeln 800.000 Teilnehmer zur Blasmusik. Auch in Windhoek-Namibia, Frankenmuth-USA, Brisbane-Australien und in Tokio-Japan tanzen Einheimische und Touristen nach dem Vorbild aus Deutschland. Wer hätte das gedacht!

Die Brasilianer hauen im Oktober auf die Pauke. Die im Bundesstaat Santa Catarina gelegene, von deutschen Einwanderern gegründete Stadt Blumenau, feiert jedes Jahr ein waschechtes Oktoberfest. Aus Bayern werden Kapellen eingeflogen, Bier fließt, Bratwurst und Hendl brutzeln. Um den Kater vom Vortag zu vertreiben, hilft der Rollmops und für die „Süßen“ steht der Apfelstrudel bereit. 700.000 Gäste schlagen sich die Bäuche und die Köpfe voll.

Zur Mutter aller Oktoberfeste strömen 6-7 Millionen Besucher auf die Münchener Wiesn und die Euros fließen, wie reißende Bäche in die Kassen der Wirte, Hoteliers, Dienstleister und in die Stadtkasse. Ein volkswirtschaftliches Ereignis. Über eine Milliarde Euro verjubeln die Menschen in sechzehn Tagen.


Das verlorene Kind

Wir schrieben das Jahr 1988. Münchner Arbeitskollegen luden uns zum Oktoberfest ein. Meine Frau und ich kannten das Fest nicht, aber wir waren uns schnell einig, dass es mit Anfang dreißig an der Zeit ist, diese Riesenparty zu besuchen. Man muss ja mitreden können. Wir überzeugten ein befreundetes Ehepaar und unsere Kinder, vier Jahre und zwei Jahre alt, nach München zu fahren. Wegen der Sprösslinge hatten die Kollegen einen Tisch zur Mittagszeit in einem der Bierzelte organisiert. Die Stadt war auch damals schon komplett ausgebucht. Auf einem Bauernhof außerhalb der bayerischen Hauptstadt ergatterten wir zwei Zimmer. Der S-Bahn-Anschluss, um zum Fest zu gelangen, war um die Ecke. Äußerst wichtig. In den Zelten trinken die Gäste nur Maß. Dabei handelt es sich um schwere Tonkrüge mit einem Liter Bier. Von Natur aus sind wir keine Spielverderber und hielten uns an die Traditionen.

Urig bajuwarisches Ambiente fing uns beim Betreten der Bauernpension ein. Holzbalkone, klappbare Fensterläden mit Holzschnitzereien, Landmotive und Blumen. Im Inneren des Hauses und der Gaststätte zeugten schwere Holzmöbel von der Tradition der Einheimischen. Die Dellen der Tischplatten deuteten auf heftige Schläge mit dem Bierkrug hin. Vielleicht im Streit über die Politik, vielleicht aufgrund einer hitzigen Diskussion über die Bierpreise, vielleicht aus Freude wegen der guten Karten beim Spiel oder vielleicht über den Ärger mit der Frau. Die Gründe für die Malträtierungen blieben ein Geheimnis, aber die Emotionen und Stimmungen strömten aus jeder Pore der Hölzer und Einrichtungsgegenstände. Selbst die Kiste mit der rotstrahlenden Bauernmalerei und den Messingbeschlägen, auf welcher Generationen von Kindern herumgeklettert und heruntergesprungen und wieder hochgestiegen und heruntergehüpft sein müssen, erzählte vom Leben.

Der erste Abend diente der Einstimmung auf Sitten und Gebräuche, insbesondere auf die Ess- und Trinkgewohnheiten der Region. Anstatt unseres Lieblingsgetränks Wein bestellten wir Bier und anstelle von Pasta servierte die flotte Kellnerin im Dirndl Schweinsbraten mit Knödel und viel Soße, Bratwürstel mit Sauerkraut, Schnitzel mit Kartoffelsalat und einen leckeren Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln. Ein Teller hätte zwei Personen gesättigt. Später erfuhren wir, dass eine üppige Grundlage für Bier und Schnaps lebensnotwendig ist. Wir hielten uns an diese goldene Regel und orderten zum Abschluss einen Absacker. Die Auswahl erschlug uns: Enzianschnaps, Bärwurzschnaps, Obstler aus Birne, Apfel und Zwetschgen. Wir entschieden uns für den Obstkorb.

Ausgeschlafen und nach einem üppigen Frühstück brachen wir auf zur Wiesn. Mit S- und U-Bahn erreichten wir den Festplatz in 40 Minuten. Das Gedrängel hielt sich in Grenzen und wir schauten uns um. Das kindgerechte Programm beglückte die Kleinen. Zuckerwatte schlecken, Karussell fahren, Lose kaufen, Kinder schaukeln und Süßigkeiten futtern. Alles übersichtlich, niemand betrunken und Sohn und Tochter haben Spaß. 

Zeit für das Erwachsenenprogramm. Wir steuerten unserem Treffpunkt zu. An den Namen des Bierzelts erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich entsinne mich genau, wie uns die bayerischen Kollegen euphorisch zu jodelten. Maß, Brezen und Weißwurst standen schon auf dem Tisch. Wir setzten uns dazu. Vier Moaß, bitte. Kurz darauf kam die Kellnerin angewetzt. Zehn Maßkrüge reichte sie über die Tafel. Wahnsinn, dachte ich und fragte: „Wieviel Krüge schaffen Sie?“ „Zwölfe sind kein Problem. Mehr sind abhängig von der Tagesform.“ Unsere Frauen kämpften mit dem einen Maß. 

Die Zeit verging, die Maß vergingen auch, der Pegel nahm zu, vor allen Dingen die Lautstärke, die Gespräche intensivierten sich, Lachen, Schunkeln, Refrains mitsingen und die Kinder krabbelten unter und über den Tisch. Die Kleinen verstanden sich prächtig und spielten um unsere Gruppe herum. Die Erwachsenen zischten das Bier und keiner verlor die Contenance. 

Was passierte? War es der Kontrollverlust nach dem Alkoholgenuss? Nein, die paar Liter. Unmöglich. Unsere Kinder waren vom Erdboden verschwunden. Keine Knirpse unter den Tischen, auf den Tischen, in den Gängen oder sonst wo. Es lief uns eiskalt den Rücken herunter. Keiner sprach es aus, aber ich dachte: „Betrunkene Kinderschänder haben sie in ihre Gewalt gebracht.“ Ich sah die Blicke auf mich gerichtet: „Was für Eltern? Feiern und vernachlässigen die Kinder. Die gehören ins Gefängnis.“ Die Kiddies waren nicht im Zelt zu finden, also suchten wir draußen weiter. Uns packte die Verzweiflung. Gedrängel überall. Zwischen die Leute passte kein Strohhalm und ich bückte mich, um die Kids zu entdecken, sah aber nur Beine, dicke, dünne, lange und Schuhe, schwarze, braune, an großen und kleinen Füßen. Nur Goliaths und wo waren die Menschenkinder? Wir verstreuten uns in die vier Himmelsrichtungen. Alle halfen mit. Schließlich gab ich es auf und lief zurück zum Zelt, um von da aus, die Polizei zu informieren. Das miese Gewissen saß im Nacken und sprach: „Du Elender. Schlechter Vater. Egoist. Unfähig.“ Die bitterbösen Schimpfwörter habe ich weggelassen. Der Schweiß stand auf der Stirn, aber es half nichts. Am Zelteingang schaute ich mich um. Meine Frau kam mit Sorgenfalten und Tränen. Plötzlich hellte sich ihre Mine auf, sie lächelte, ein Lachen so breit wie ihr Gesicht, die Zähne glänzten: „Schau nur, sie kommen.“ Hand in Hand liefen unser Sohn und seine neue Freundin auf uns zu und erzählten: „Wir haben einen Riesen gesehen und ein Puppentheater.“ Sie waren begeistert von dem Erlebten und wir waren fertig.

Die Feierlaune war dahin. Wir tranken einen Schluck und liefen zur U-Bahn. Menschenmassen strömten aus dem Bahnhof heraus zum Fest. Kaum saßen wir im Zug, zuckte meine Frau zusammen. Ihr Blick sprang hin und her, die Mundwinkel hingen schlaff herunter:

„Die neue Lederjacke. Ich hab’ sie liegenlassen. Auf der Bank.“ 

Ich runzelte die Stirn: „Die ist bestimmt weg. Sie ist so elegant und war auch noch ziemlich teuer.“ 

„Kommt aussteigen. Wir nehmen den nächsten Zug zurück“, rief Maria und wir stürzten wieder in das Getümmel, dem wir entkommen waren und wühlten uns, mit den Kindern auf dem Arm, bis zum Zelt durch. Proppenvoll. Durchdrängeln. An unserem Tisch saßen fremde Leute. Und da lag sie, unberührt, unbefleckt, die italienische Designer-Lederjacke. „Los geht‘s“, meine Stimme strahlte, „in der Pension gibt’s einen Absacker.“

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Das Auto - "TYPISCH DEUTSCH"

Bild: Emslichter
Bild: Emslichter

Autor: Henri du Vinage

Buchprojekt "Typisch Deutsch"

Testleser Rückmeldung

2022

 

Das Auto

Mindestens einmal in der Woche stehen deutsche Männer an der Autowaschstraße und lassen ihre Lieblinge von oben bis unten bürsten, massieren, eincremen und selbst der Unterboden glänzt im modischen Antifaltenschutz. Angekommen auf der heimischen Garagenauffahrt wienert der Teutone nach. Scheinwerfer, Scheiben und der Innenraum erstrahlen im Sonnenlicht.

Umfragen bestätigen das, was die Damen schon lange wissen. Fast 60% der deutschen Automobilisten empfinden Freude beim Anblick ihres Autos und 80 % bekommen wollüstige Gefühle bei der Fahrt mit ihrem Liebling Auto. Da wird das weibliche Geschlecht eifersüchtig, zu Recht, denn der maskuline Typ knausert mit Geschenken für seine Partnerin. Beim PKW-Kauf schaut er allerdings nicht auf den Penny. So gibt der Kerl 40% für den Gebrauchten mehr aus als die Frau und der Neuwagen darf satte 52% mehr Kosten. Des Mannes teurer Liebling eben.

Bei der Meinungsforschung zu der Frage nach dem Traumauto Nummer 1 entscheiden sich die vernünftigen Frauen für den Mini Cooper und die Männer? Das war ja klar, zugunsten von Power und Sport, den Audi R8. Kein Wunder, dass Streitereien zwischen den Geschlechtern vorprogrammiert sind.

Mein Kumpel Klaus, wir kennen uns seit der Zeit auf dem Gymnasium, war schon mit 18 Jahren der absolute Autofreak. Pünktlich zum 18. Geburtstag hatte er seinen Führerschein in der Tasche und ein gebrauchter Opel Manta stand vor der Tür. Sobald er den Mund aufmachte, kam Auto heraus. Unsere Wege trennten sich dann, weil die Kommunikation zwischen uns zu einseitig wurde. Sein Interesse an Autos war nicht kongruent mit meiner Freude an der frankophilen Lebensart. Für mich war der Kraftwagen nur Mittel zum Zweck. Damals war ich häufig in Paris und was neben den eleganten und immer nach dem „Dernier Cri“ gekleideten Mädchen besonders auffiel, waren die Autos. Ich glaube, dass es in ganz Paris kein Auto ohne Beule gab.

Jahre später traf ich Manta-Klaus beim Einkaufen und er erzählte mir die Geschichte von ihm und Carla.


Liebling

Am Stadtrand von Berlin, in Kleinmachnow, einer ansonsten ruhigen, bürgerlichen Idylle, donnert und röhrt es jeden Samstag aus der Doppelgarage von Klaus. Mit ölverschmiertem Gesicht und struppigen, lockigen und fettigen Haaren steht er in der Einfahrt, einen Schraubenschlüssel in der Hand und am Ohr das Telefon: „Hey Werner, meinst du, dass der 1000-Watt-Verstärker mit dem Powercap und der Bassbox wirklich den ultimativen Sound bringt?“ Er schreitet an seinem Wagen entlang, zärtlich streichelt er über die neue glänzende Lackierung in candy lilametallic. Mit dem exklusiven Spiegeleffekt erfüllte sich Klaus seinen Wunsch nach dem Motto: auffallen um jeden Preis. Die fetten Reifen und das tiefergelegte Chassis runden das Bild des typischen Autofreaks ab. Aus den Boxen knallen die Bässe in den Ohren und selbst die Bauchdecke vibriert im Rhythmus des Usher Hits „Yeah“. Bei den klingenden Höhen klopft das Phantom des Tinnitus an Gehör und Gehirn.

„Mach mal leiser, Liebling“, ruft Carla. Der Autonarr zieht sich eine Schutzfolie über seine schmierigen Klamotten, wäscht sich die Hände und steigt ins Auto. Das donnernde Getöse aus der 1000-Watt-Anlage verstummt. „Wollen wir für ein paar Tage an die Ostsee. Nach Usedom?“ „Ja, gute Idee“, lacht Klaus und voller Vorfreude auf die Spritztour dreht er den Schlüssel um und die Auspuffanlage röhrt satt und tief. „Ein Soundgenerator für einen fetten Auspuffsound wäre ein geiles Klangerlebnis“, denkt er sich und drückt aufs Gas. Carla verschwindet im Haus packt ihre Sachen zusammen.

„Fahr’ nicht so schnell, Liebling.“ Klaus donnert die Musikanlage hoch und tritt auf das Pedal bis zum Gehtnichtmehr. Nur der Boden des Autos blockiert das Gaspedal. Der Tacho zeigt 245 Stundenkilometer. 

„Wahnsinn, die Kiste liegt wie ein Brett auf der Straße.“

„Klaus, es reicht. Hier sind 120 erlaubt. Das kostet deine Pappe und meine Freundschaft.“

Er bremst ab, dreht die Lautstärke herunter, schaut seine Freundin von der Seite an und lacht: „Toll, oder?“

„Du hast nichts verstanden.“

Das Hinweisschild „Ausfahrt Pasewalk“ gleitet vorbei. „Nur 90 Kilometer bis Heringsdorf. Ich geb’ mal noch ein bisschen Gas, dann sind wir in einer halben Stunden dort.“ Carola schüttelt den Kopf und schaut nach rechts, Felder gleiten vorbei und sie wischt sich Tränen aus den Augen.

Schließlich erreichen sie Heringsdorf, ohne Unfall und mit Führerschein. „Sieh’ nur. Die schönen Häuser. Ich habe einiges darüber gelesen“, und sie erklärt dem Autoverrückten die Verschmelzung der Baustile über die Jahrzehnte. „Die Stile des Klassizismus, Historismus und Jugendstils wurden zusammengeführt.“ Sie ergänzt ihr Wikipediawissen: „Die Bauten erhalten die Schönheit durch Balkone und Fassaden, dominiert durch Rundbögen und rechteckige Fenster. Die Vorbauten besitzen Holzschnitzarbeiten und sind oft weiß getüncht. Ich finde diese Häuser so schön. Wo ist denn unser Hotel?“ „Etwas außerhalb.“

Die private Unterkunft versprüht den Charme einer alten Jungfer. Die Vorderfront bröckelt ab, die Holzfenster wirken spröde und sind mit einem undurchsichtigen, schmierigen Film belegt. Sie klingeln. In der Tür erscheint eine Frau mit Kopftuch, Kochlöffel in der einen Hand und Schlüssel in der anderen. „Treppe hoch. Erste Tür rechts. Den Papierkram machen wir später“, und verschwindet. Es riecht nach Fisch und altem Fett. Das Pärchen balanciert die steile, schmale und einem gestrandeten Schoner gleichende, knarrende und vom Ostseesalz verblichene Holztreppe empor. Carla schluchzt leise. Als er die Tür aufschließt, stürzt sie sich auf das Bett, vergräbt das Gesicht im Kopfkissen und heult. „Das ist schrecklich. Diese Absteige. Warum nur?“ „Darling“, versucht er sie zu beschwichtigen, „du weißt doch, die Lackierung war so teuer. Die gefällt dir doch auch.“ „Nein, nein. Das ist schrecklich. Ich will nach Hause.“

Der feinsandige Strand, die in der Ostsee sich spiegelnde Sonne und die Wärme, welche das Paar umgibt, die spielenden Kinder und Sandburgenarchitekten, die Verliebten, die sich in die Privatsphäre der Strandkörbe zurückgezogen haben, lassen für eine Zeit alle Sorgen vergessen. „Komm’ wir gehen ein Eis essen“, fordert Clara ihren Freund auf. Eiscreme schleckend schlendern sie die Strandpromenade entlang, entdecken den über 500 Meter in die See reichenden Flaniersteg und kehren in das italienische Restaurant am Ende der Seebrücke ein. Sie bestellen Pizza, Klaus mit einer Extraportion Knoblauch und Peperoni. 

Die Sonne hat sich inzwischen verabschiedet, als beide das stinkige Zimmer betreten. „Ich geh’ noch mal schnell ans Auto. Muss etwas prüfen“, und schon ist der junge Mann verschwunden. Carla sitzt bedeppert da, betrachtet das Bett und flüstert zu sich selbst: „So ein Idiot. Jetzt reicht’s.“ Eine halbe Stunde später betritt Klaus das Zimmer und trifft seine Freundin schlafend an. Er legt sich dazu. Sie wälzt sich hin und her und wacht von einem Geräusch auf. Ihr Freund schnarcht und der Raum stinkt nach Knoblauch. Schlaftrunken entschließt sie sich, aufzustehen. Sie schleicht zum Fenster und beobachtet, wie zwei Burschen an der Kiste mit der candy lilametallic Lackierung herumfummeln, die Tür lautlos öffnen, den Motor anlassen und wegbrausen. Sie lächelt, huscht in die Federn und schläft seelenruhig bis zum nächsten Morgen.

„Carla, Carla, wach auf. Das Auto ist weg. Geklaut!“ Sie schnellt aus dem Bett empor, reibt sich die Augen: „Was?“ Klaus ruft die Polizei an, steigt in die Klamotten und rast, wie ein Besessener, auf den Abstellplatz. Dort läuft er orientierungslos durch die Gegend, sucht den Parkplatz immer wieder nach Beweisen ab, findet nichts. Die Staatsgewalt fährt gemütlich in den Hof und lässt sich das vermutliche Geschehen erklären. Kurz und bündig erklärt der Polizist: „Auto weg, alle Spuren von ihnen zertreten und sie dürfen sicher sein, dass die schon über die Grenze sind. Irgendwo wird der jetzt schon umgespritzt. Den finden sie vielleicht in Russland oder Rumänien oder sonst wo wieder, aber manchmal haben wir auch Glück.“ Akribisch nehmen die Beamten die Daten auf, lassen sich die Papiere zeigen und fordern ihn auf, das Protokoll später auf dem Revier abzuholen. „Das brauchen sie vielleicht für die Versicherung. Wir melden uns, wenn wir etwas Neues wissen“, und die Herren stiefeln zurück.

Klaus Freundin duscht und trällert: „Hit the Road Jack, and don’t come back no more.“

„Komm Carla, wir nehmen den nächsten Zug nach Berlin. Ich muss dort alles klären.“ Mit einem süffisanten Lächeln bedeutet sie ihm: „Lieber Klaus, ich hab’ die Schnauze voll von dir und deinen Autos. Ich bleibe hier. Suche dir jemanden der dich und Autos liebt. Tschüß.“, und sie singt: „Good Day Sunshine ...“

Klaus’ packt seine Sachen zusammen: „Carla, ich fahre jetzt. Kommst du?“ 

„Tschüß!“, brüllt sie ihm hinterher und feuert das Stück Seife an die Badezimmertür.

Die Zimmertür kracht ins Schloss, kurze, schnelle Schritte ballern auf die Holztreppe und noch eine Tür knallt. Das war’s.

Der Autofan lümmelt sich auf den Sitz der Regionalbahn und holt sein Handy heraus: „Mein Auto ist auf Usedom geklaut worden.“ Neben ihm nimmt ein schlaksiger Bursche mit gepflegtem Drei-Tage-Bart Platz. Die schwieligen Hände verraten, dass er im Handwerk tätig ist. Klaus fährt fort: „Also Max, meinst du, dass die Versicherung zahlt? Habe zig Tausender in die Kiste gesteckt.“ Der junge Mann schaut ihm tief in die Augen: „Was ist denn passiert?“, und der Autofan berichtet die ganze Geschichte. Sie unterhalten sich angeregt über heiße Öfen und der schlaksige Michael erzählt, dass auch er seine Autos tuned, lackiert und aufmotzt. Er arbeitet in einer auf Tuning spezialisierten Garage. Sie lachen, klopfen sich auf die Schulter und umarmen sich.

In einer der Boutiquen kauft Carla den knalligsten und knappsten Bikini in dem Farbton candylila. Sie rekelt sich am Strand, genießt die Sonne und das Meeresrauschen, springt in die See und läuft am Bruch der Wellen auf und ab. Einige Badetücher entfernt sitzt ein muskulöser, rotbraun gebräunter Blonder, der sie anlächelt. 

Zwei Stunden später knutschen sie in erbarmungsloser Offenheit. Deutsch-schwedische Liebe auf den ersten Blick.

Einige Monate später laufen der rotbraun gebräunte Mann und Carla Hand in Hand und eng aneinandergeschmiegt im Schneegestöber durch die Drottninggatan, die Haupteinkaufsmeile Stockholms. Verliebt flirten und scherzen sie miteinander.

Zur gleichen Zeit werkeln zwei Jungs in Kleinmachnow an einem giftgrünen, tiefergelegten Auto und testen das supersatte, tiefe, brummende Röhren des in der Kofferraumwanne verbauten Soundmoduls. Sie umarmen sich, genießen den Sound und küssen sich innig.

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Es zieht - "TYPISCH DEUTSCH"

Bild: Herzfrog, Andrea Stöger
Bild: Herzfrog, Andrea Stöger

Autor: Henri du Vinage

Buchprojekt "Typisch Deutsch"

Testleser Rückmeldung

2022

 

Stoßlüften oder Querlüften

Die Deutschen haben eine Höllenangst vor Luft. Ein zarter Lufthauch aus dem geöffneten Fenster im Sprechzimmer des Arztes, das Klappfenster in der Bahn, welches einen Spalt breit aufgeriegelt ist, die laufende Klimaanlage im Auto bei 30 Grad Außentemperatur oder gar zwei gekippte Fensterflügel im Wohnzimmer, führen zu Panikattacken. „Fenster zu“, wird dann gerufen. „Es zieht“, und alle flüchten in eine Luftzug geschützte Ecke. Es drohen Erkältungen, Halsschmerzen, steife Schultern oder Husten und Schnupfen. Vielleicht sogar der Tod. Selbst bei 35 Grad im Schatten verstehen die Einheimischen keinen Spaß.

Jedes Kind lernt in Deutschland, dass regelmäßiges Lüften der Räumlichkeiten für die Gesundheit unabdingbar ist und nicht erst zu Zeiten von Corona. Die englische Tageszeitung „The Guardian“ widmet diesem Phänomen sogar einen Artikel. In dem Bericht wird die deutsche Fenstertechnologie hochgelobt, welche Stoß- und Querlüftung ermöglicht. Unter Stoßlüftung verstehen die Experten fünf- bis zehnminütiges Aufreißen der Fenster bei geschlossenen Türen. Meistens morgens. Die Querlüftung ist schon etwas für Lüftungsspezialisten. Da werden alle Fenster gekippt, die Türen sind geöffnet und so kann stinkige oder virenverseuchte Luft von einem Luftzug in die Freiheit transportiert werden. Mir war das nicht bekannt, denn ich bin eingefleischter Antilüfter. Ich lebe nach dem Motto: „Es ist noch niemand erstunken, aber schon erfroren.“  


Es zieht

Der Duft von angebratenem Knoblauch, Zwiebeln und der aus dem Ofen entweichende Bratendunst vermischen sich mit der trockenen Hitze von 31,5 Grad im Schatten. Im Restaurant „Zur Krone“ wedeln die Gäste mit Bierdeckeln an schweißtriefenden Gesichtern vorbei, Kinder quengeln und liegen platt auf den kühlenden Fliesen des Bodens und die Kellnerin schlurft von Tisch zu Tisch: 

„Ein großes Bier. Schnell bitte.“ 

„Ein gutes Bier dauert viereinhalb Minuten.“ 

„In drei Minuten ist es gut genug für mich. Ich verdurste.“ 

Sie schleicht von dannen und bestellt an der Ausgabetheke: 

„Max, ein schlechtes Bier. Zwei Minuten.“

Der grauhaarige Mann im Sonntagsanzug entledigt sich seines Sakkos und rückt seine Krawatte zurecht. „Öffnen sie doch endlich die Fenster“, schnarrt er die Bedienung an. Die junge Familie mit dem schnarchenden Dackel fordert vehement: „Ist ja nicht zum Aushalten. Fenster auf.“ Alle Glasfenster werden aufgerissen und die stickige Luft, gemischt mit dem Gestank von Benzin und Diesel, welcher von der Hauptstraße herüberweht, vereinigt sich mit all den anderen Gerüchen. Der Duft des Eau de Cologne einer betagten Dame überdeckt das Aroma eines Schnitzels Wiener Art mit Pommes und wird von der bayerischen Haxe mit Sauerkraut übertrumpft. Da ertönt der schrille Schrei der Eau de Cologne-Frau: „Es zieht. Fenster zu. Ich hol‘ mir den Tod.“ Pflichtbewusst, der Kunde ist König, tippelt die Kellnerin zu den Fenstern und schließt sie. „Lassen sie doch wenigstens ein Fenster geöffnet“, bittet der bisher flirtende Schönling und erfreut sich an der weit aufgeknöpften Bluse seiner Begleiterin. 

Fenster auf. 

Jetzt meldet sich die Mutter mit dem Kind: „Es zieht. Mein Baby wird krank“.

Fenster zu.

„Verdammt noch mal. Sollen wir hier ersticken? Und das Essen kommt auch nicht. Dreissig Minuten warten wir schon. Meiner Mutter ist ganz mulmig.“

Fenster auf.

Fenster zu.

Fenster auf.

Der Wirt schlägt einen Kompromiss vor: „Wir öffnen alle 15 Minuten und schließen dann wieder für 15 Minuten.“ Zum Einverständnis nicken die Gäste. Das Sprechen fällt ihnen schwer.

„Wo bleibt das Essen“, grölt ein beleibter Kerl.

„Bitte haben sie Verständnis. Wir haben 47 Grad in der Küche. Da geht alles etwas langsamer“, versucht der Wirt zu beschwichtigen. „Dann mach halt das Fenster auf“, gibt ein Schlaumeier von sich. „Ist auf.“ „Aha, darum zieht es wie Hechtsuppe. Fenster zu!“ Der Kneipier schließt das Fenster in der Küche.

Die Temperatur im Gastraum hat 33 Grad erreicht und Rauchschwaden und fettiger Fritteusenqualm erreichen die Gäste. Die alte Dame schnappt nach Luft und nur ein Schwall des Eau de Cologne verhindert eine Ohnmacht. Die Kinder heulen und die Frau mit dem Baby verlässt eilig das gutbürgerliche Restaurant. Nur der Dackel schläft und sein Herrchen weckt ihn grob aus seinen Träumen und zerrt das Hündchen an die frische hitzige Luft. Die Gäste haben das Weite gesucht. 

Ruhe im Lokal. Der Gastwirt, die Kellnerinnen, der Spüler und Barmann fallen auf die Stühle, strecken die Beine lang, wischen sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und stöhnen: „Was für ein Scheißtag.“ 

Der Wirt brüllt: „Alle Fenster auf. Feierabend. Bringt das Essen her und Bier, bis das Fass leer ist.“ Es zieht wie Hechtsuppe und das Bräu läuft kühlend die Kehle herunter. Der Hund des Kochs liegt selig unter dem Tisch, genießt frisches Wasser und erfreut sich an der ausgelassenen, schwitzenden und albernden Gesellschaft. 

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