Die Flucht

Juni 2021

Autor: Henri du Vinage

Bild von Cari R. auf Pixabay
Bild von Cari R. auf Pixabay

 

Ich passe den richtigen Moment ab. Während er auf der Toilette ist, springe ich aus dem Fenster im Erdgeschoß und renne und renne, so schnell mich meine Beine tragen. 

Die eng stehenden Bäume des Forstes türmen sich über mir auf, als wären sie ein unüberwindbares Hindernis, die Baumkronen bremsen das Sonnenlicht, welches zugleich Freiheit und Frieden bedeutet.

Ich hetze mit der Kraft eines dem Tod Geweihten den sich nach oben windenden Waldweg entlang, immerzu schaue ich mich um, ob der Verfolger naht. Ich weiß, wie schlau Willi ist, schließlich war ich neun Jahre mit ihm verheiratet, grausame Jahre, obgleich er ein echter Mensch war.

Die Äste knacken, Schritte kommen näher und matschen durch den feuchten Waldboden. Ich erkenne niemanden, obwohl die Geräusche an Geschwindigkeit zulegen. Ich stürme weiter voran und bemerke, dass mein Körper und die Kleider mit Blut besudelt sind. Selbst im Gesicht, um Nase, Mund, Lippen und Ohren hat das geronnene Rot eine feste Kruste gebildet. Der Leib brennt, als würde er in Fetzen springen und sich auf dem blättrigen Boden ausbreiten. 

Knack ..., knack ... Die Angst zerfrisst mich bei lebendigem Leib. Er ist es. Ich muss das Tempo steigern und im dichten Wald ein Versteck suchen. Die Hatz treibt mich durch Gestrüpp, Bäume, die Stacheln der Brombeeren dringen in meine Haut, ich stolpere über eine Wurzel, werde weitergetrieben und schlage auf dem Boden auf. Stimmenwirrwarr dringt zu mir durch und ein Mann ruft: „Hier muss sie sein. Schaut die Spuren.“ Hundegebell, Stöcke knallen in die Sträucher, meine Finger krallen sich in die Erde und ich verstehe. Die Meute ist hinter mir her. Ich springe auf und laufe in die entgegengesetzte Richtung des Geschreis. „Da ist sie, Mörderin, Mannesmörderin, fasst sie, schnell.“ Es knallt, ein Schuss. Reflexartig halte ich die Hand auf die Brust und ein warmer, roter Strom quillt durch meine Finger, um anschließend vom Waldboden aufgesogen zu werden. Mein Herz schlägt in einem Wahnsinnstempo. Mein Mund ist geöffnet und ich atme mit schweren Zügen die Luft ein. Der Polizist, zwanzig Meter entfernt, richtet die Waffe auf mich und brüllt: „Mein Gott, die Beißer. Die hat Hauer wie ein Eber.“ 

Ich erinnere mich, wie ich die messerscharfen Zähne in Willis Kehle bohrte, sein fettiges Blut trank, es roch nach billigem Schnaps und schmeckte verfault, wie das abgestandene Sauerkraut im verschimmelten Fass unseres Kellers. Steif vor Schreck und Angst, denn ich hatte jahrelang kein Menschenblut geschlürft, sprang ich aus dem Fenster und lief davon.

Die Polizei legt mir die Handschellen um die Gelenke und sperrt mich in eine Zelle. Die Schusswunde verheilt sofort und gleich mache ich mich dünn und verschwinde durch die engen Stäbe des Gitters. Frankreichs Ruf ist einmalig. Da soll das Blut besonders schmackhaft sein, mit einer sanften Barriquenote. Die Stadt Bordeaux, am Ufer der Gironde, mit den frischen vom Atlantik herkommenden Winden und den jungen, modischen Männern wird zu meinem neuen Jagdrevier.

Bordeaux begeistert mich. Bei der Sommerhitze kleben die Hemden und T-Shirts nass an den Körpern und das Blut fließt in den frischen, männlichen Körpern rasant und feuerrot durch die geschwollenen Adern. Es verströmt die nur für mich wahrnehmbaren erdigen Düfte der Weinlagen um Saint Emilion, Margaux und Pauillac. Gerne streiche ich durch die Landschaft und ergötze mich am Anblick der Châteaux und ihren jungen Herren bis die Falle zuschnappt.

Morgens nach meiner Bluttat erfreue ich mich an einem bürgerlichen Frühstück mit Baguette und Blutwurst und lese dann die Tageblätter. Mir läuft ein Schauer über den Rücken bei den Schlagzeilen:

"Das blutleere Opfer mit der Bisswunde", oder "Das 9. Opfer des Saugers".

Gestern kontrollierte mich die Gendarmerie dreimal. Mein süßes Lächeln, gepaart mit unwiderstehlichem Charme, der freie Blick auf meine schlanken Beine, die durch den violetten Minirock selbst dem blindesten Polizisten auffallen mussten, ermöglichten mir eine unbehelligte Weiterfahrt. Ich fühle mich nicht mehr sicher und so entschließe ich mich, meine Kusine in Transsilvanien zu besuchen und mich für eine Weile zurückzuziehen.


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