Lebendiges Museum - Görlitz, Görliwood, Zgorzelec

Görliwood

Autor: Henri du Vinage

September 2018

Deutschland

 

 

 

 

 

"Görlitz, wo ist das denn?", wurden wir von Freunden gefragt. "Da wollt ihr hin?"

George Clooney und Quentin Tarantino drehten bereits in Görliwood. Brad Pitt und Christoph Walz spielten in den historischen Originalkulissen des Ortes und wir vertiefen uns in die Geschichte und das heutige Leben der Stadt. 

 

 

 

 

Film Goethe
Filmdreh_Goethe_Quelle Stadtverwaltung

 

George Clooney führt Regie und spielt die Hauptrolle in „The Monuments Men“. Die Truppe ist auf Jagd nach von Nazis bedrohten Kunstwerken. Quentin Tarantinos Streifen  „Inglourious Basterds“ mit Brad Pitt, Christoph Walz und Daniel Brühl findet auch im 2. Weltkrieg statt. „Der Vorleser“ in Anlehnung an Bernhard Schlinks Roman mit Kate Winslet, David Kross und Ralph Fiennes wurde in den Gassen und Häusern von Görliwood inszeniert. Alle drei Filme nutzen die historischen Bauten als Kulisse für die Geschichten, die sie erzählen. Bei jedem Schritt durch die Sträßchen und Arkaden fühlen wir uns in vergangene Zeiten zurückversetzt. Zum Glück ist es friedlich. Wir haben weder Krieg und noch Diktatur. Wir dürfen genießen.

Bulwar Grecki

Die Neiße trennt die vor dem 2. Weltkrieg geeinte Stadt Görlitz in den deutschen und den polnischen Teil, Zgorzelec. Auf der 2004 eingeweihten Brücke über den Fluss schlendern wir Richtung Polen. Restaurants und Kneipen säumen die Uferstraße und die Parkanlage „Griechischer Boulevard“ weist auf die Geschichte der Provinzstadt hin. In zwei Einwanderungswellen kamen Griechen in die Vorstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg siedelten 6.500 freiwillig in Kriegsgefangenschaft gegangene Soldaten in der Stadt. Der Film (26 Minuten) von Janis Karayannakos beleuchtet diesen außerhalb der Region weitestgehend unbekannten historischen Sachverhalt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=KZ3YBBt0fWc 

 

 

Die zweite Welle kam Ende der vierziger Jahre in der Folge des „Hellenischen Bürgerkriegs“ nach Görlitz. Der polnische Staat nahm einige tausend kommunistische Partisanen auf. Durch die Vertreibung der Deutschen war die Bevölkerung von Zgorzelec stark dezimiert, so dass die Griechen sehr willkommen waren. 

 

Von der polnischen Seite mit Blick nach Görlitz erschließt sich ein gigantisches Freilichtmuseum.  Das größte Flächendenkmal Deutschlands mit 4.000 Baudenkmälern. Die Stadt blieb während des Krieges unbeschädigt und die DDR hatte weder Mittel zum Abriss noch zur Restaurierung. Ein Spaziergang durch die Altstadt gleicht einer Reise in die Vergangenheit. An den Häusern lassen sich die verschiedenen Zeitepochen ablesen. Unser Stadtführer erklärt die Geschichte der Stadt und ihre Bauten aus Romanik, Gotik, Renaissance, Barock oder Klassizismus und ich stelle fest, dass ich mich wieder einmal genauer mit den Baustilen befassen müsste. 

Schonhof_Plugge
Schonhof_Plugge

Das oberschlesische Görlitz lag an einer der wichtigsten Handelsstraßen des Mittelalters. Der Via Regia, welche als eine der bedeutendsten West-Ost-Magistralen Frankreich und Russland verband. Durch den Handel mit Färberwaid, der Pflanze zur Herstellung des Farbtons blau, und Tuchhandel entwickelt sich die Stadt zu einem imposanten Wirtschaftszentrum. Die Kaufmannspaläste der wohlhabenden Händler zeugen von einer prosperierenden Gemeinde.

 

In der Klosterkirche am Obermarkt hören wir die Sage vom „Klötzelmönch“: „Müde von der langen Wanderung setzt sich ein junger Handwerker in das Gotteshaus und lauscht der Messe. Bald schläft er ein und erwacht erst wieder von Kälte geschüttelt. Es ist stockdunkel und unheimlich. Mit einem gruseligen, markerschütternden Geknarre geht die Pforte auf, ein entstelltes, narbiges vom Kerzenlicht angestrahltes Gesicht schlurft mit dem Klack-Klack der Klötzelpantoffeln herein. Die güldenen Haare des Mädchens fest in seine Hände gekrallt, zieht er die Schöne hinter sich her, öffnet die Steinplatte am Altar und stößt den Leichnam hinein. Die Tote verschwindet im Untergrund. Am nächsten Tag erzählt der Jüngling, was er gesehen hat. Schnell ist der Mörder gefunden. Zur Strafe mauern ihn die Bürger bei lebendigen Leib in die Kirchenmauern. Zu Trinken und zu Essen geben die Henker ihm mit, auf das er qualvoll sterbe. Bis heute hören die Einheimischen und manchmal die Gäste das Klack-Klack seiner Schuhe in den dunklen Gassen und alten Häusern.“

Görlitz - Sankt Peter und Paul Kirche
Pfarrkirche St. Peter und Paul von polnischer Seite

 

 

Uns zieht es mit modernen Sneakers weiter in die Pfarrkirche St. Peter und Paul. Auf dem Weg dorthin hören wir lautes Löwengebrüll. Bald darauf sehen wir ihn. Er sitzt in luftigen Höhen, am Rathausturm, oberhalb der Uhr und lärmt. Früher brüllte er immer um Mitternacht, um Vagabunden und Einbrecher zu verscheuchen. Heute begrüßt er die Touristen. Seine Laute werden durch den tiefsten Ton der Orgel erzeugt. Wir setzen den Weg fort und wollen rechtzeitig zum Konzert mit der Sonnenorgel in der Kirche Peter und Paul ankommen. Der Name Sonnenorgel entstammt einer Besonderheit des Prospekts, der Schauseite oder Fassade des Instruments. Der künstlerische Gestalter Johann Conrad Buchau erbaute den Prospekt von 1697-1703 und verteilte 17 Sonnengesichter über die Stirnseite der Orgel, welche dann 1703 von Eugenio Casparini fertiggestellt wurde. Toller Klang, schöne Lieder, Vogelgezwitscher aus den Orgelpfeifen und Medition auf den harten Bänken des Gotteshauses. 

Oberschlesische Mohnpielen
Mohnpielen

Danach Zeit für Café und Kuchen. Wir landen im Caféhaus Lucullus in der Peterstraße 4. Hier soll es regionale Spezialitäten geben. In das Haus aus dem 16. Jahrhundert schreiten wir andächtig hinein. Unser Guide erzählte uns, dass sich hier drei Baustile vereinen. Nur welche? Wir wissen es nicht mehr, erinnern uns jedoch  an Mohnpielen. Nie gehört? Wir auch nicht, aber ich liebe Mohnkuchen, Mohnbrötchen und sicherlich Mohnpielen. Wir durchschreiten einige Jahrhunderte und kommen in den Garten, fühlen uns sofort heimisch und Gastgeber Peter Stübner bewirtet uns immer lächelnd und humorvoll. Was ist denn nun Mohnpielen? Peter Stübner erklärt trocken: „Ein arme Leute Essen.“ Ich verstehe nicht. Kurz darauf kommt er wieder: „Das wird bei uns an den Feiertagen, wie Weihnachten und Silvester gegessen“, und stellt den Teller mit Mohnpielen, Sahne und Eierlikör hin. Rund, in der Form eines dicken Hamburgers. Erst einmal pur kosten. Es ist ein Gedicht. Der Geschmack von Mohn und Mandeln mit dem weichen Teig zerschmilzt auf der Zunge. Für einen kurzen Augenblick bin ich hin und weg. Dann ist der Kuchen vom Teller verschwunden. Arme Leute hat Peter Stübner gesagt. Könnten wohl auch „Arme Ritter“ heißen, die ursprünglich aus altem Brot, Milch, Ei, Zucker und Zimt in der Pfanne gebratene Nachspeise, aber Mohnpielen, zwar ähnlich in der Machart, ist eine andere Klasse. 

 

Das weitere von uns durchgeführte Kulturprogramm ist in den Tipps aufgeführt. Ich habe jetzt keine Zeit mehr und muss in die Küche. Mohnpielen „backen“. Das Rezept unter Tipp 3. 

 

Tipp 1:  Schlesisches Museum zu Görlitz, Brüderstraße 8, Untermarkt 4, 02826 Görlitz

              Geschichte der Region erleben und verstehen.

              www.schlesisches-museum.de, kontakt@schlesische-museum.de

              +49 3581 8791-0

 

Tipp 2: Nachtwächterführung & Appartement, Grüner Graben 7, 02827 Görlitz,

            Telefon: 0162-7832327

            Wohnung sehr geräumig, Küche groß und Topausstattung (Induktionsherd). 

 

Tipp 3: Caféhaus Lucullus, Peterstr. 4, 02826 Görlitz, Telefon: 03581 8791779

             Erstklassige Kuchen und MOHNPIELEN

             Rezept Schlesische Mohnpielen

 

Kommentare: 1
  • #1

    Werner Gollbach (Freitag, 26 Oktober 2018 13:36)

    Hallo ihr Lieben, angeregt durch die Gespräche am gestrigen Abend habe ich mir noch einmal die Reiseberichte von Henri angeschaut. Es sind sehr interessante und informative Berichte und Bilder und Karin und ich möchten unsnochmals für den schönen Abend und die tollen Reiseberichte bedanken.
    Ganz liebe Grüße
    Karin und Werner



 

Henri du Vinage

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Fotos & Recherche: Ana Maria du Vinage

 

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