Mit Michael Jackson durch Salvador - Brasiliens afrikanischste Stadt

Michael Jackson in Salvador

 

Autor: Henri du Vinage

November 2018

Brasilien

 

 

 

 

Michael und die Trommler sind grandios. Wir sind in der Oberstadt Salvadors, der historischen Altstadt, dem Pelourinho, und stellen uns den Vibe in den Gassen und Straßen vor. Unser Guide war live dabei und erzählt mit zitternder Stimme von den Aufnahmen zum Videoclip.

Slums in Salvador

Er führt uns zu den Gassen, die Olodum und Michael singend und trommelnd durchtanzten. „Da oben stand der King of Pop“, und er deutet auf einen der Balkone. Bis 1835 wurden an diesem Platz, Largo do Pelourinho, der Sklaven gehandelt und die Urteile mit dem anschließenden Auspeitschen wurden an diesem Ort vollzogen. Der Pelourinho, Pranger, wurde vor vielen Jahren entfernt. Schade. Wäre als Mahnmal gut geeignet. Jacksons Song „they don’t care about us“ passt auch heute noch in die Region.

Youtube Michael Jackson & Oludum

Abseits von den ausgetretenen Touristenpfaden tappen Reisende in die Falle von Dieben. Die Armensiedlungen grenzen an das Touristenviertel, welches dank starker Polizeipräsenz sicher ist. Drogensucht und -handel, Armut und Hoffnungslosigkeit treibt einen Teil der Bevölkerung in die Kleinkriminalität. Unser Touristenführer wohnt in einer solchen Siedlung und führt uns herein. Wir sprechen mit den Menschen, die hier sitzen, essen und trinken sowie ihre Witze machen. Offenbar führen sie ein zufriedenes Leben. Der Schein trügt. Die Arbeitslosigkeit ist beträchtlich. Ab Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde mit der Sanierung der historischen Bauten begonnen. Das Elendsviertel wandelte sich langsam in ein Touristenzentrum. Die alteingesessenen Anwohner, ohnehin zu den ärmsten gehörend, verelendeten weiter. Viele zerfallene Altbauten, im Grunde genommen unbewohnbar, wurden von den Anwohnern besetzt. Die Stadtorgane dulden das. Vielleicht werden illegal Mieten kassiert, wie es aus São Paulo bekannt ist. Während unseres Aufenthalts in Brasilien geht in S. Paulo ein besetztes Haus im Flammenmeer unter.

Afro-Brasilianer

Wir sind ungewollt inmitten dieser Gesellschaft und sehen in die zahnlosen von Alkohol oder Drogen geprägten Gesichter. Wir sehen aber auch eine stolze afro-brasilianische Gesellschaft, die mit Anmut und Selbstbewusstsein sich ihres afrikanischen Erbes bewusst ist.

„Wir müssen schnell zur Taufe in die Kirche Nossa Senhora do Rosário dos Pretos!“, ruft unser brasilianischer Betreuer und wir folgen ihm. Diese Kirche wurde von Sklaven und Befreiten im 18. Jh. erbaut und bis heute vermischen sich christliche Rituale mit den afrikanischen Bräuchen. Im Inneren sind Stilelemente des Candomblé zu erkennen und christliche Heilige und Jesus sind dunkelhäutig. Vor dem Eintreten in die Kirche hören wir die rhythmischen Trommelschläge und Gesänge. Eine Taufe findet statt. Die gläubigen Afro-Brasilianer hüllen sich in farbenprächtige Gewänder, einige Frauen tragen mit Stolz grüne, rote oder bunt gefärbte Haare im „Afrolook“, der mich an die Black-Power-Bewegung und Angela Davis der sechziger Jahre erinnert. Fröhlich tänzelnd mit dem Kleinkind auf dem Arm verlässt die Gesellschaft die Kirche.

Pelourinho

In unmittelbarer Nähe der Kirche finden wir SENAC. Ein staatliches Ausbildungszentrum für Berufe in der Gastronomie und Hotellerie. Natürlich gehen meine Frau und ich herein. Im Erdgeschoß bedienen, sich in der Ausbildung befindliche, angehende Gastronomiefachkräfte in der traditionellen Bekleidung der Bahianas. Sie unterstützen die Gäste mit Rat und Tat bei der Auswahl der regionalen Gerichte. Auf die Empfehlung eines Gastes gehen wir in das Restaurant, welches sich im obersten Stockwerk befindet. Die Tische sind eingedeckt, ein Buffet mit Vorspeisen, Nachspeisen und uns unbekannten Gerichten ist aufgebaut. Wir sind platt, setzen uns und bestellen Wasser und Wein. Wir zählen 32 Hauptspeisen: Moquecas, Eintöpfe mit Fisch, Tintenfisch, Fleisch oder Bacalhão, dem gesalzenen und getrockneten Kabeljau. Herrlich gewürzt mit Cashews, Koriander, Ingwer und Kokosmilch. Das typische bei vielen Gerichten eingesetzte orangerotfarbene Dendéöl darf nicht fehlen. Es wird aus einer afrikanischen Ölpalme gewonnen und hat einen kräftigen, schweren Eigengeschmack. Mir haben es die Acarajés angetan. In Dendé frittiertes Bohnenmus mit Krabben. Ein Gedicht. Ana liebt Vatapá. Dieser Name deutet auf die afrikanische Herkunft hin. Ein Püree aus Shrimps, Cashews, Kokos, Milch, Dendé und weiteren Ingredienzen. Wir feiern die Gerichte und ich mache mich später über die Desserts her. Kokos, Cashew und Zucker dominieren.

 

Nach dem üppigen Mahl fahren wir zu einem der Stadtstrände Salvadors, der Barra. Ein überschaubarer und sauberer Strand. Nicht überfüllt. Gegen 18:00 Uhr, die Sonne geht in Brasilien früh unter, erwarten wir am alten Leuchtturm, der im Inneren ein Museum beherbergt, den Sonnenuntergang. Wenig Touristen. Die Einheimischen überwiegen und haben sich ihr Sunset-Picknick mitgebracht. Wir sind begeistert und stimmen in das Geklatsche und Freudengeheul mit ein. Unser Taxifahrer, Jacó, wartet. Er begleitet uns zuverlässig und sicher durch die Stadt und bringt uns zurück ins Hotel, wo Michael Jackson angeblich übernachtet haben soll.

Wohnhaus von Jorge Amado

Am nächsten Tag erwartet uns ein weiteres Highlight. Das Museum und ehemalige Wohnhaus des brasilianischen Schriftstellers Jorge Amado. Obwohl er schon zu Lebzeiten eine Legende war, bin ich überrascht, dass er in Deutschland wenig bekannt ist. Mit seiner sozialkritischen Literatur beschreibt er in seinen Romanen und Erzählungen Leid und Leben der einfachen Menschen in Bahia. Sein volkstümlicher Stil zog sein Lesepublikum in den Bann. Bei der Führung durch das Haus kommen wir dem Menschen Amado näher. Die Küche war ein Lieblingsort für ihn und sein Frau Zélia. Seine Köchin präsentiert virtuell die Lieblingsgerichte der Familie und wir bekommen wieder Appetit. Die parkähnliche Gartenanlage verrät den Pflanzen und Naturliebhaber, den Sammler von Porzellanfröschen und Gläubigen afro-brasilianischer Naturreligionen. Die Götter des Candomblé müssen ihm geneigt gewesen sein. In den Gästezimmern des Hauses übernachteten viele Freunde, wie Pablo Neruda, Picasso, Tom Jobim, Roman Polanski, Jack Nicholson, Sartre und Simone de Beauvoir. Eine illustre Gesellschaft diskutierte hier über Kunst, Politik und philosophierte über das Leben. Ich entschließe mich, wieder von ihm zu lesen. Jorge Amado verstarb kurz vor seinem 89. Geburtstag im Jahr 2001.

Restaurant Casa de Tereza - Salvador

Am Abend genießen wir nochmals die Küche aus Bahia. Das Casa de Tereza, welches mit Liebe bis ins letzte Detail von der Chefin Tereza Paim und ihren Freunden gestaltet wurde, haut uns um. Wir haben unser Essen erhalten, da räumt eine Mitarbeiterin des Hauses den Tisch neben uns ab und erklärt uns: „Die Beilagenportionen sind klein, damit wir nicht so viel Abfall haben. Ihr könnt aber alles nachbestellen.“ Wir nicken und bemerken: „Die Tische sind toll, besonders die gekachelten Tischplatten.“ Sie nickt und lächelt uns an: „Alle Möbel sind gebraucht. Zum Teil vom Müll oder von Entrümplungen. Wir haben sie geholt und restauriert. Es ist wie mit den Küchenabfällen. Wir mögen es nicht, wenn irgendetwas weggeworfen wird.“ Sie geht. „War das die Chefin?“ Im Anschluss an das phantastische Essen setzt sich Tereza zu uns an den Tisch und zeigt später ihr Haus. Viele Details, die wir bisher nicht wahrgenommen haben: die Verehrung der bahianischen Kultur und ihrer Menschen. Maler, Bildhauer, Handwerker, Bauern und der Religiosität, der Rituale und Gebräuche des Candomblé. In diesem verwinkelten Barockhaus lebt alles, was Bahia ist. Ein unvergessener letzter Abend in Bahia. 


Impressionen vom Restaurant Casa De Tereza



TIPP 1: 

Casa de Tereza, Rua Odilon Santos 45, Rio Vermelho, Salvador de Bahia

Virtuelle Tour: http://www.casadetereza.com.br/360-casa-tereza/

Homepage: http://www.casadetereza.com.br

SENAC: Gastronomieschule, Mo-Sa von 11:30 – 15:30, Pelourinho

             

TIPP 2: 

Übernachtungen im Stadtteil Rio Vermelho. Viele Hotels, Restaurants, Bars und jeden Abend Live-Musik.

 

TIPP 3:

Für alle Touren einen registrierten Taxifahrer organisieren und Abholzeiten und Ort vereinbaren. Die Hotels helfen weiter. Am Flughafenausgang gibt es Vermittlungen. Zwar teurer als Standard, dafür sicher.

Der zuverlässigste, registrierte Taxifahrer Salvadors: Jacó. Email: jaconeli@hotmail.com, +55 71 987 755413 (WhatsApp), +55 71 992 337 107 

 

TIPP 4:

Rezept Tapioca (Maniokcrêpes)

 

TIPP 5:

Jorge Amado lesen. Zum Beispiel: Dona Flor und ihre zwei Ehemänner – Eine Geschichte von Moral und Liebe.

 

Alle Informationen ohne Gewähr

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Fotos & Recherche: Ana Maria du Vinage

 

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