Ein Wunder ist geschehen - Die Insel Fernando de Noronha

Noronha - Mitten im Atlantik

 

Autor: Henri du Vinage

Oktober 2018

Brasilien

 

 

 

 

Mitten im Atlantik, etwa 500 Kilometer von Recife entfernt, liegt das Paradies. Das behaupten zumindest die Brasilianer, die mit ihren Familien einige Tage Urlaub auf Noronha verbringen. Keine Kriminalität, sauberes Wasser, Naturschutz und traumhafte Strände. Europäer verirren sich selten hier her. Wir gehören dazu.

Noronha - Sunset

Der Flieger dreht eine Runde um die Insel. Wälder, Strände und einige Dörfer wirken aus der Luft, wie aus Pappmaché gebastelt und das Meer überstrahlt alles in Blau, Türkis und Smaragdgrün. Der Flughafen wirkt wie aus der Spielzeugkiste. Vier bis fünf Flieger landen hier täglich. Derzeit führt die Flugverbindung auf die ökologische Insel nur über Recife. Die Maschine landet sicher auf dem Miniflughafen und wir laufen neben dem Gepäck in die Ankunftshalle. Dort erwarten uns nicht nur unsere Koffer, sondern auch die Einreisebehörde. Portemonnaie öffnen und zahlen. Eine Gebühr zum Erhalt der Umwelt, Taxa de Preservação Ambiental, in Höhe von 68,74 R$ (15€) pro Tag und Person wird fällig, sowie eine Besuchserlaubnis des Marine Nationalparks, Parque National Marinho. Diese Erlaubnis kostet für 10 Tage 195 R$, es sei denn du bist Brasilianer, dann zahlst du nur die Hälfte oder Einheimischer über 60 Jahre, so hast du freien Eintritt. Ich fühle mich ausgegrenzt und diskriminiert. Gut, meine Frau, Ana Maria, musste nichts bezahlen. Das hat die Reisekasse doch etwas aufgebessert. Mit unserem Obolus zur Erhaltung von Umwelt, Tier- und Pflanzenschutz waren wir einverstanden.

Noronha-Hafen
Per Schiff vom Festland

Der Touristenfänger-Pick-up wartet schon. Er fährt uns kostenlos in die Pension und sechs Tage später wieder zurück zum Flughafen. Für diesen Service bedanken wir uns sogleich für die Buchung einer Inseltour. 

Die Pension entpuppt sich als minimalistisch. Kaum Platz für das Gepäck. Kein Schrank, aber eine Bambusstange zum Aufhängen der Kleidung. Fenster in den Hinterhof. Kopfkissen wurden auf unser Bitte nachgeliefert. Kühlschrank und Klimaanlage funktionieren. Ansonsten sauber. Der Zimmerpreis liegt bei 90 €/ÜF. Dafür haben wir in Salvador und Recife in Tophotels gelebt. Wenigstens ist das Frühstück inklusive und Patricia, die Köchin, ist herzlich und erfüllt jeden Wunsch. Entlegenheit hat natürlich seinen Preis. Waren und Güter aller Art müssen per Schiff oder Flugzeug herbeigeschafft werden.

Am nächsten Morgen holt uns der Pick-up zu einer Tagestour ab. Wir besteigen als erste das Auto und haben Glück, einen der begehrten Innenplätze in der klimagekühlten Kabine einnehmen zu können. Sind wir Weicheier oder dem Backpackeralter entwachsen? Wir schaukeln auf den Straßen hin und her, halten an sobald eine schöne Strandaussicht den Aha-Effekt verspricht. Die im Sonnenlicht goldschimmernden Strände, die Felsformationen, die sich aus dem Ozean erheben, die Schritte im knirschenden Sand und schließlich der erste Körperkontakt mit dem Atlantik lassen vermuten, dass hier das Paradies ist. 

 

Zu den schönsten Stränden der Insel gehört der Praia do Sancho. 70 Meter über dem Küste laufen wir einen Weg entlang, der mit einem Geländer und Handläufen aus recycelten, holzartigen Kunststoffen den Weg sichert. An einem der Aussichtspunkte führt der Weg für Angsthasen direkt in die Hölle oder für die Abenteurer zum Meer. Vierzig bis fünfzig Meter enge Stufen und eine Wendeltreppe müssen überwunden werden. An den schmalen Stellen nehme ich den Rucksack ab, sonst würde ich zwischen den Felsen steckenbleiben und verhungern. Unten angekommen entschädigen Strand und Wasser. Tauchermaske und Schnorchel herausgeholt und gleich ins Meer. Wir schwimmen zusammen mit Nemos Verwandtschaft, Wasserschildkröten, Rochen und Pulpos, einer Krakenart. Im zu dieser Jahreszeit ruhigen Wasser lasse ich mich treiben und habe mein neues, langärmliges Sonnenschutzhemd angezogen. Kein Sonnenbrand! 

Noronha - Pools bei Ebbe
Bei Ebbe bilden sich kleine Pools am Hafenstrand

Während der nächsten Tage fahren wir mit dem Inselbus zu den anderen Stränden, schwimmen, tauchen und wandern, auf den Wanderwegen, die uns manchmal auf allen vieren Neuland entdecken lassen. 

Eine Schiffstour, ausgehend vom einzigen Hafen der Insel, steigert das paradiesische Gefühl von der Einheit mit der Natur. Als die Delfine lustig neben dem Schiff springen wische ich mir ein paar Tränen der Glückseligkeit aus den Augen. Das Boot hält öfter an, so dass wir mit Tauchermaske und Schnorchel die Unterwasserwelt erleben. 

 

Am Praia do Porto, Hafenstrand, der so sauber ist, dass die Wasserschildkröten sich bei Flut dort zu einem Stelldichein treffen. Während der Ebbe bilden sich kleine Pools, mit zurückgebliebenen Fischlein, in denen wir die Seele baumeln lassen. In den größeren Becken tummeln sich die Junghaie. Die beißen nur zu, wenn jemand auf die Idee kommt, sie zu streicheln. Am Strand der Baia do Sudeste schwimmen die sechzig bis neunzig Zentimeter großen Räuber in ein bis zwei Meter Entfernung vom Sandstrand entfernt. Wir laufen im Wasser und freuen uns jedes Mal, wenn eine Flosse vor uns auftaucht. Die Guides erzählen uns, dass es dort zu zwei Unfällen kam. Eine Dame streichelte ein Tier. Das gefiel ihm nicht und es biss in den Finger. Bei dem anderen Vorfall wollte der Tourist das Exemplar fotografieren und stocherte mit seinem Selfiestab an ihm herum. Das bereitete dem unglücklichen Fisch kein Behagen und es schnappte dem Mann kurzerhand in die Wade. Die Zitronenhaie sind ungefährlich, erzählten uns die Touristenführer. Bei meiner anschließenden Recherche bei Wikipedia fand ich diese Aussage aber nur teilweise bestätigt. Die Biester wachsen bis zu drei Meter. Respekt! Und bitte nicht reizen. 

Noronha - Fotos für das Hochzeitsalbum
Fotoshow

Die Abende verbringen wir im Hauptdorf Vila dos Remédios. Geschäfte und Restaurants laden zum Bummeln ein. Die Speisen schmecken prima, sind teurer als auf dem Festland und die Garçons, Geschäftsführer und Eigentümer lieben eine Unterhaltung. Wir waren verwundert auf den Speisekarten häufig Tilapia und ähnliche Süßwasserzuchtfische zu finden. Um uns herum der Atlantik, ein fest eingegrenztes Gebiet steht zwar unter Naturschutz, trotzdem hatten wir fangfrische Meeresfische erwartet. „Die Fischerei ist kein einträgliches Geschäft mehr“, sagten uns Einheimische am Hafen. 

 

Eines Abends treffen wir den Eigentümer des „Flamboyant Rock Restaurants“, Paulo. In den achtziger Jahren aus Südbrasilien eingewandert. Mit einem Hotdog-Wagen schlug er sich durch. Heute besitzt er eine luxeriöse Pension und zwei Lokale. Er hat mir die letzte Besucherstatistik zugeschickt. Zwischen 90 und 95.000 Touristen besuchen jährlich die Insel. Die Besucherzahlen verteilen sich gleichmäßig auf die Monate. Von Februar bis März übernehmen die Surfer das Territorium. Das Revier ist nur für Könner. Fünf Meter hohe Wellen sind keine Seltenheit. Paulo erzählt weiter: „Als ich kam waren nur Einheimische hier und ein paar Hippies. Langsam wuchs die Insel. Bis heute ist sie darauf bedacht, ökologische Standards einzuhalten.“ Er verweist auf seine Statistik: „Die Anzahl der Touristen ist eingeschränkt. Im Juni waren einundzwanzig Deutsche hier. Die meisten Gäste, zirka 90 % kommen aus Brasilien. Im Durchschnitt bleiben die Reisenden vier bis fünf Tage.“ Sehr verbreitet unter den zugereisten Angestellten im Tourismusgeschäft ist der Inselkoller, „Neuronha“. Untereinander immer die gleichen Gespräche, über Touristen, Geldverdienen, Klatsch und Langeweile. Die Kinder müssen die Insel verlassen, wenn sie weiterbildende Schulen oder die Universität besuchen wollen.  Spät am Abend, wir sind die letzten Gäste, beendet Paulo unser Geplauder: „Mein Sohn lebt mit seiner Familie in Neuseeland. Vielleicht ziehe ich dort hin. Gute Nacht.“

Olinda, die Schöne
Olinda

Wir haben uns vorgenommen mehr über die Naturschutzprogramme der Insel zu erfahren und besuchen am nächsten Abend einen Vortrag zum Wasserschildkröten Schutzprojekt „Tamar“. Die Babyschildkröten schlüpfen an den kalten Tagen. Von mehreren tausend geschlüpften Jungtieren überleben nur ein bis zwei und kommen zwanzig bis dreissig Jahre später zum Eier legen wieder zurück. In der Zwischenzeit kämpfen sie um den Fortbestand. Pedro, einer der Schildkrötenbeschützer, erklärt uns: „Die Schildkröten überqueren den Ozean und bleiben zeitweilig an der afrikanische Küste. Sie laufen Gefahr, dass sie von natürlichen Räubern, wie zum Beispiel Haien, gefressen werden oder der Mensch durch Fischfangtechniken, Verschmutzung der Meere, insbesonders Plastikmüll die Arten dezimiert. Das Hauptnahrungsmittel der Schildkröten sind Quallen, welche die Tiere mit Plastiktüten verwechseln und an diesen qualvoll verenden.“ Nachdenklich erzählt er weiter: „Die Nesseltiere ernähren sich von Fischlaich und mit der Abnahme der Wasserschildkröten beobachten wir eine Zunahme der Quallenpopulationen, die wiederum die Fischpopulation dezimieren. Also ein verrückter Kreislauf. Weniger Schildkröten weniger Meeresfische. So einfach ist die Rechnung.“

Auf der Insel verfolgt uns der Naturschutz immerzu. „Das ist Naturschutzzone. Da dürft ihr nicht hin“, ist der Hinweis der freundlichen Parkhüter. Das finden wir wirklich verantwortungsvoll. Andererseits verwundert uns, dass in allen kleine Läden Plastiktüten, wir denken an die Schildkröten, kostenlos ausgegeben werden. Auf den Straßen fahren röhrende, dieselbetriebene Buggies und öffentliche Busse herum. Die Energieversorgung erfolgt zu neunzig Pozent mit einem Dieselkraftwerk. Wie passt das zusammen? Nur ein Schulterzucken.

Kurz vor unserem Abflug schlendern wir noch ein letztes mal durch die „Hauptstadt“ und winkend kommt uns einer der dreitausend Einwohner entgegen. Franco, der Kellner aus dem Flamboyant, stolpert fast über seine eigenen Beine, die Arme kreisen rudernd in der Luft, als würde er so schneller zu uns kommen. Schnaufend bleibt er bei uns stehen. „Ich muss euch das erzählen. Gestern Nacht ist etwas auf der Insel passiert.“ Er holt tief Luft, atmet nochmals durch und erzählt: „Gestern Nacht ist ein Kind geboren.“ Er lacht, klatscht in die Hände und zeigt auf eine Mann mit einem riesigen Korb Obst. „Das ist der Vater. Der hat Früchte für sie gekauft.“ Wir schütteln den Kopf und verstehen nichts. Eine lange Erklärung folgt. Die Frau versteckte ihre Schwangeschaft neun Monate. „Sie war stets fett“, meint Franco. „Der Mann muss das ja gewusst haben.“ Wir verstehen immer noch nada. Er erklärt: „Auf der Insel dürfen keine Kinder zur Welt kommen. Die Frauen sind verpflichtet im siebten Monat auf das Festland zu gehen. Das Baby muss dort zur geboren werden, weil jeder auf dem Eiland Geborener Besitzanspruch auf ein Territorium hat. So viel Land gibt es hier nicht und ausserdem“, fährt er fort, „haben wir weder eine prenatale medizinische Versorgung eine Entbindungsstation.“ Halleluja! Ein Wunder!

 

TIPP 1: 

 

Restaurants

Flamboyant Rock Restaurant, Vila dos Remédios, Praça Flamboyant

Emporio São Miguel, Vila dos Reméduios, Praça Flamboyant      

 

TIPP 2: 

Projeto Tamar, Wasserschildkröten Schutzprojekt, tägliche Vorträge, Vila do Boldró

 

TIPP 3:

 

Flamboyant Residence, Top Pension in zentraler Lage, Doppelzimmer oder große Familienzimmer, schöne Anlage

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Noronha-Pousada
©Paulo A. Bernardi
Noronha-Pousada Luxus
©Paulo A. Bernardi

Kommentare: 1
  • #1

    Werner Gollbach (Dienstag, 06 November 2018)

    #1
    Werner Gollbach (Samstag, 27 Oktober 2018 19:56)

    Eintrag entfernenEintrag verbergen
    Hallo Henri, ein sehr interessanter Reisebericht mit vielen schönen Bildern. Man fühlt sich beim Lesen fast schon auf die Insel versetzt. Nur einige Dinge passen wirklich nicht in ein Naturreservat. Vielen Dank für den schönen Bericht.
    LG Werner



 

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Fotos & Recherche: Ana Maria du Vinage

 

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