Im Weinberg - Eins mit der Welt

Noronha - Mitten im Atlantik

Autor: Henri du Vinage

Oktober 2018

Deutschland

 

 

Zwei Tage Weinlese im fränkischen Alzenau-Michelbach, zwischen Aschaffenburg und dem hessischen Hanau gelegen, brachten mich der Kunst und des Handwerks Wein herzustellen näher. Harte Arbeit mit Sensibilität für die Natur machen den Erfolg aus. Respekt. 

Noronha - Sunset

Das Team wartet ungeduldig und der Chef, Winzer Bernd Höfler, überprüft das Werkzeug. Eimer für das Lesegut, die Bütten für die Träger, die Scheren und die Handschuhe, um den klebrigen Saft von den Händen fernzuhalten.

Der herbstliche Weinberg spielt mit der Farbpalette eines Cézannes, van Goghs oder Liebermanns und haucht den sonnenlicht-durchlässigen Blättern bizarre Farbtöne ein. Weinlaub in den Tönen andalusischer Orangen, getüncht mit blutorangeroten Flecken, die von zitronengelben Äderchen durchzogen sind, zeigen den Herbst von seiner bezauberndsten Seite. Schrumpelige Trauben, aromaintensive Rosinen, und Rieslingtrauben protzen mit satter Süße von 105° Öchsle. 

„Das wird kräftige Weißweine geben mit 13,5-14 Vol. %. Sonst hast du das nur bei Rotweinen“, erklärt Bernd und weist uns in die Rebenreihen ein. „Ihr könnt alles mitnehmen. Ihr müsst nichts herausputzen“. 

Die Lesearbeit in den vorherigen Jahren erforderte das Entfernen der faulen Trauben, um beste Qualität abzufüllen. Der Sommer 2018 verwöhnte die Winzerherzen in den meisten Regionen Deutschlands. Die anhaltende Hitze und die fehlende Feuchte hielten Krankheiten, Fäulnis und andere Plagen fern. 

Mit der Bütt im Weinberg

 

Stefan, der Kellermeister und Weinbautechniker, zieht mit seiner Bütt durch die Reihen und fordert von uns die traubenvollen Eimer ein. Mit 40-45 Kilogramm auf dem Rücken stapft er herunter, kippt die Lese in den Wagen und marschiert den Hang wieder nach oben. Mir schmerzt die Hüfte. Mit der Bütte auf dem Buckel würde ich, Schreibtischtäter, zusammenbrechen.

Wir lesen immer links und rechts von den Reben und unterhalten uns über Gott und die Welt. Das Team kommt aus der Umgebung und die meisten sind Nachbarn, miteinander verwandt, kennen sich aus der Schulzeit, vom Sport oder haben Spaß an der Traubenlese. 

Nassgeschwitzt geht es in die Pause. Wasser, Weinschorle und Traubensaft stehen bereit. Da es auf dem steinig-erdigen Boden rutscht und die Scheren verdammt scharf sind, ist Alkohol tabu. Ich nutze die Verschnaufpause und unterhalte mich mit Bernd Höfler, Winemaker in der dritten Generation.

„Dieses Jahr ist super. Wir lesen 15.000 Liter mehr als im Vorjahr mit bester Qualität in kürzerer Hand- und Maschinenlesezeit. Ich bin sehr glücklich“, erklärt er und fährt fort: „Wir stellen auf Bio-Weinbau um, spritzen seit langem kein Glyphosat und werden in drei Jahren, so lange braucht es, die ersten bio-zertifizierten Weine im Keller haben. Null Harakiri-Mittel bei uns. Mein Sohn Johannes (Anm. des Autors: 4. Generation) treibt das voran“, er lächelt stolz.

Weingut Höfler - Probier- und Verkaufsraum

Um 12:30 Uhr kommt der Schlusspfiff für diesen Tag. Edel Höfler hält einen Snack zur Stärkung bereit. Hawaitoast mit Schinken und Käse und für die drei türkischen Kolleginnen ohne Fleisch. An alles ist gedacht. Ein frischer Tropfen steht auf dem Tisch. Ich habe Durst und bleibe bei der Saftschorle. Bin kaputt. Die anderen erscheinen ausgeruht und fit. 

Die Vitamine des Traubensafts wirken und meine Kräfte kommen zurück. Bernd zeigt mir den 2011 erbauten Probier- und Verkaufsraum. Ein gelungener Bau, moderner Kontrast zum traditionellen Gutshof, vielleicht Symbol des Zusammenhalts der Generationen. Der lichtdurchflutete Raum lädt die Gäste zum Degustieren, Verweilen und Kaufen ein.

Bernd erzählt: „Mein Großvater hat mich inspiriert. Als er alt und nicht mehr beweglich war, half ich beim Probeziehen des Weins aus den Fässern. Er blickte dann immer glücklich und zufrieden zu mir. Ich fühlte, dass er eins war mit der Welt. Da ist der Funke übergesprungen.“ Früher war der väterliche Betrieb diversifiziert aufgestellt. Mit Landwirtschaft, Viehzucht, Weinbau und später noch mit Spargelanbau wurde das Geld verdient. Bernd entschloss sich 1984 das Gut zu übernehmen und komplett auf Wein umzustellen.

Sorgenfalten machen sich auf seiner Stirn breit, sobald er über den Klimawandel spricht: „Das Klima ist nicht mehr einschätzbar. Die Schwankungen werden immer extremer. Mit Hagel, Sturm und Orkan, Starkregen oder Trockenheiten müssen wir zukünftig rechnen. Wir sind darauf so gut wie möglich vorbereitet. Unsere Reben sind robust, aber die Arbeiten in den Weinbergen werden sich ändern.“

Er erklärt mir die Zusammenhänge von Blattarbeit, um die frühzeitige Einlagerung von Zucker zu verhindern, die Wichtigkeit der Gründüngung und Ausbringung von Pflanzenmischungen sowie die Wurzelarbeit an den veredelten und aufgepfropften Pflanzenteilen, damit die Reblausresistenz erhalten bleibt. Weinbau ist schwierig. Trinken dagegen ist leicht.

 

Winemaker Bernd Höfler
Winemaker Bernd Höfler

Im Laufe des Gesprächs kommen wir auf Georgien zu sprechen. Die Wiege des Weins. Archäologen entdeckten, dass bereits 2000 v. Chr. Gefäße und Geräte, die auf Weinbau schließen ließen, benutzt wurden. In den sogenannten Quevris, überdimensionale, in den Erdboden eingelassenen Tongefäße, gärte die Maische. 

„Wir keltern auch Orange Wine. Das ist Weißwein, der auf der Maische gegärt wird, wie Rotwein. Da werden deutlich mehr Gerbstoffe, Tannin sowie Farbe erzeugt. Anschließend lagert der Wein im Barrique. Passt prima zu scharf gewürzten Speise, wie zum Beispiel aus der Thai- oder indischen Küche. Hat aber nicht den typischen Weingeschmack. Das müssen die Gaumen lernen.“

Dann malt der Winzer ein eindrucksvolles, gedankliches Bild: „Weißt du, Wein ist ein Unterhalter. Er bringt die Menschen zusammen an einen Tisch. Sie schauen in das Glas, sehen das Leuchten und Glitzern, goldgelb bei dem Weißwein und himbeerrot beim Rotwein, stoßen an und verbringen eine harmonische Zeit miteinander.“

Seine Zufriedenheit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er lächelt, ist in bester Stimmung, ist höflich und liebenswert und hat immer einen Scherz auf den Lippen. Eins mit der Welt, wie der Großvater. Ich wusste es: Wein macht glücklich.

 

 

Tipp 1

Wein verkosten und geniessen.

 

Weingut Höfler

Albstädter Straße 1

63755 Alzenau - OT Michelbach

06023-5495

 

Öffnungszeiten

Di - Fr:      9:00 - 12:30 Uhr

               14:00 - 18:00 Uhr

 

Samstag: 9:00 - 14:30 Uhr

Montag geschlossen

 

www.weingut-hoefler.de

info@weingut-hoefler.de

 

Weinliste

 

Tipp 2

Wanderungen in den Weinbergen und Wälder des Naturparks Spessart und anschließendes Einkehren in den Gaststätten der Umgebung oder gleich zur Weinprobe bei Familie Höfler.

Weine aus Unterfranken
Weingut Höfler
Weingut Höfler
Probierstube
Probierstube
und Verkaufsraum
und Verkaufsraum

Kommentare: 2
  • #2

    Thomas Schwelch (Sonntag, 28 Oktober 2018 00:47)

    Mal wieder ein gelungener Bericht, könnte auch aus Wien stammen.

  • #1

    Werner Gollbach (Samstag, 27 Oktober 2018 20:10)

    Hallo Henri, ich leide jetzt noch mit dir. Ich gebe zu, das Trinken des Weins ist wesentlich weniger anstrengend und angenehmer, dafür können die Nachwirkungen bei übermäßigem Genuss umso schlimmer sein.
    LG Werner



 

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