Kurzgeschichte - Liebe

Juli 2020

Der Chef pöbelt: „Der Bericht für den Vorstand ist noch nicht fertig. Den müssen sie heute abgeben.“ Es ist Freitagnachmittag, eine Affenhitze und ich freue mich den ganzen Tag lang auf einen Abend im Biergarten mit meiner Frau und eine dem Wetter entsprechende Nacht im Schlafzimmer.

Ich greife zum Telefon: „Schatz, aus dem Biergarten wird nichts.“ „Egal, Liebling. Dann bleiben wir eben Zuhause und kuscheln.“ 

Zahlen, Daten, Fakten. Ich hämmere auf die Tastatur des PCs, Zahlen springen im Kopf herum, die Konzentration hängt an Isabels letztem Wort: kuscheln. Die Tabellen auf dem Bildschirm verschwimmen, die Finger fliegen von Zahlen zu Buchstaben, von Formel zu Formel und finden die Tasten, wie mit verbundenen Augen. Nach drei Stunden ist der Report geschafft und ich auch. Knopfdruck und weg per E-Mail. Das Büro meines Bosses ist leer. „Der ist im Feierabend und genießt. Nichts wie raus “, denke ich.

Die Gedanken schwirren noch durch die Zahlenkolonnen, die Augen flimmern glasig und brennen angestrengt durch das Starren auf den Screen. Ein Gedankenblitz holt mich wieder zurück: „Ich bin unterwegs, Isabel.“ „Prima, lass dir Zeit. Ich hab‘ noch einiges zu tun.“

Im Autoradio spielt ein Slow-Blues von Duke Robillard und verführt mich zum Träumen. Küssen, kuscheln und lieben. Gas geben und bremsen. Schmusen, streicheln und lieben. Einem Radfahrer ausweichen und schimpfen. Inzwischen treibt mich B.B.King mit seinem „Rock Me Baby“ weiter an. „Rock me baby, rock me all night long.“ 

Mit Chuck Berry fahre ich in die Tiefgarage: „My Ding a ling“ und singe mit. Selbst im Fahrstuhl zwitschere ich lustvoll: „My Ding a ling, I want to play with my Ding a ling“. Als im ersten Stock die Witwe Frau Grünewald hinzusteigt, verstummt abrupt mein Gesang. Sie grüßt: „Was für ein bezauberndes Lied haben sie gesungen? Es kommt mir bekannt vor“. Mein Kopf glüht. Auf eine solche Frage war ich nicht gefasst. „Ach, ein alter Rock n Roll-Song“. Die Dame grinst mich an: „My Ding a ling, nicht wahr?“ Das Blut steigt zum Kopf. Eine Mischung aus Tomate und Feuersbrunst. Das Hemd lässt sich auswringen und die Schweißperlen tropfen von der Stirn. „Alles in Ordnung?“ „Ja, ja. Auf Wiedersehen. Ich muss aussteigen“. Die Melodie des Liedes krallt sich in mein Ohr. Sicherheitshalber pfeife ich es vor mich hin. 

Trillernd betrete ich in die Wohnung: „Isabel, ich bin da. Wo bist du?“ „Im Schlafzimmer. Brauche noch ein paar Minuten“. Prosecco, Aperol, ein Schuss Sprudel, Zitronenscheibe und einige Eiswürfel. Fertig ist der Aperol-Spritz. „Isabel, auch einen Aperol?“ „Danke Süßer. Hab‘ schon.“ 

Aus dem Schlafgemach dringt „Dear Mr. President“, gesungen von Marilyn. Ich bin zwar weder ihr noch sonst ein Präsident, aber sicherlich meint Isabel mich damit. Ich lausche und höre, wie die Wäsche raschelt, und würde am liebsten sofort ins Zimmer stürzen. Sie hasst Hektik. Also slow down. Mein Herz ist im Turbomodus. Bestimmt liegt sie im Bett und erwartet mich. Ihre strammen Brüste ragen in die Höhe, dem El Teide in Teneriffa gleich. In doppelter Ausführung. Die Liebkosung ihrer festen Nippel bringt den Vulkan zum Ausbruch und lässt der Erosion freien Lauf. „Liebling, ich komme“. Ich öffne die Tür. Es knistert, ein zartes Zischen verbreitet sich im Raum. Marilyn haucht weiter „Dear Mr. President“. Sie steht mitten im Zimmer. Angezogen. Die Schwaden des Dampfbügeleisens hüllen sie ein. „Da bist du endlich. Hol‘ den Waschkorb und bring‘ Bügelbrett und Bügeleisen in die Kammer.“ Mit hängender Schulter und leblosem Blick befolge ich ihre Befehle.


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