Recife, das Haifischbecken - Olinda, die Schöne

Brasilianische Kunst
Oficina Francisco Brennand - Recife

Autor: Henri du Vinage

September 2018

Brasilien

 

 

 

 

Im Nordosten Brasiliens liegen die Schwesterstädte Recife und Olinda. Die schöne Barockstadt von der die Eroberer genauso schwärmten, wie heute die Reisenden und Recife, die Hauptstadt von Pernambuco, mit ihren Stränden, der einmaligen Musik- und Tanzkultur und den vielen Kreativen.

Strand von Recife
Recifes Stadtstrand - Boa Viagem

Am Stadtstrand von Boa Viagem tummeln sich Touristen und Einheimische. Die Hochsaison ist im Mai vorbei und die Haifische, die sich immer einmal wieder auf Suche nach menschlicher Nahrung in Ufernähe wagen, erahnen wir nur. Wir halten Ausschau. Die schwarzen Flossen tauchen hier überwiegend bei Flut auf, seit dem der 40 Kilometer südlich von Recife gelegene Tiefwasserhafen von Porto de Suape erbaut wurde. Die Mangrovenwälder boten den Fischen ein hervorragendes Reservoir an Nahrung und einen idealen Standort der Eiablage. Mit der Zerstörung und Veränderung des natürlichen Habitats der Haie und der Abnahme des Nahrungsangebots folgten die Fische der Meeresströmungen in Richtung der Strände Recifes. Besonders betroffen sind Boa Viagem, Paiva, Piedade, Pina und Candeias. Bei Ebbe versperrt das Riff, nach dem die Stadt Recife benannt wurde, den Raubtieren den Weg zu den Küstenstreifen. Alle paar Meter warnen Schilder, dass die Schwimmer am frühen Morgen, während der Abenddämmerung, bei Vollmond und Flut nicht ins Wasser gehen sollten. 

 

Wir liegen faul am Strand und beobachten die Menschen um uns herum. Lifeguards, mit Qualifikation zum Fotomodell, bewachen Badende, spielende Kinder und herumtobende Jugendliche. Trotz roter Signalfahne schwimmen Leichtsinnige im Meer. Wie von der Tarantel gestochen, ein Bild wie aus Miami Vice, springen zwei der Männer hoch, rennen ins Wasser und haben als Ziel einen Schwimmer, den die starke Strömung Richtung Afrika treibt. Sie retten ihn und erzählen uns später, dass sie mehrmals am Tag Menschen der Gefahr entreißen.

 

  

Die Cangaçeiros
Restaurant Paraxaxá - typischer Cangaçeiro

Rund um den Boa Viagem-Strand stehen die hohen Hotelbauten, neben Familienhäusern, Armensiedlungen und den Verwaltungsbüros einiger Firmen. Unsere obligatorischen abendlichen Restaurantbesuche können wir ungefährdet per pedes unternehmen.  Die allabendlichen Klamotten- und Fressmärkte sind wenige Fußminuten von unserem Hotel entfernt. In typischen Restaurants speisen wir die Spezialitäten des Landes und bedienen uns am Buffet. Nach Gewicht wird bezahlt. Im „Parraxaxá“ sind die Kellner in der charakteristischen Kleidung der Banditen, Cangaçeiros, des Nordostens gekleidet. Anfang des 20. Jahrhunderts brandschatzten, töteten und raubten sie, alles was sie zwischen die Finger bekamen. In den Legenden der damaligen Zeit wurde ihnen nachgesagt, dass sie die armen Leuten verschonten und sich nur an den Reichen vergriffen. Unsere Cangaçeiros sind unterhaltsam, bedienen uns aufmerksam und haben ihre Waffen Zuhause gelassen. Sie müssen uns nicht berauben. Wir bezahlen, geben ein gerechtes Trinkgeld und kommen wieder. 

 

In den Restaurants fallen die Gruppen von 20 bis 30 Leuten auf, die mit Wirbel einen der langen, eingedeckten Tische besetzen. Häufig Familien, die den Geburtstag, eines ihrer Familienmitglieder zelebrieren. Wir feiern meistens lautlos an einem der Nebentische mit und freuen uns über die Stimmung und die, glücklicherweise, kurzen Ansprachen. Im „Entre Amigos o Bode“ nahmen wir als Beobachter an der 100-Jahr-Feier einer freundlich lächelnden Dame teil. Sie schmunzelte uns immer wieder an, als wolle sie sagen: „Lass die mal feiern.“ Die 100 Kerzen auf ihrem Kuchen bliesen die Geburtstagsgäste mit Bravour aus. Wir tranken unseren Wein, hörten Bossa Nova der Live-Band und winkten der Senhora zu.

Recife
Recife - Stadtteil Boa Viagem

Recife ist eine Metropolregion mit 4,0 Millionen Einwohnern. Die Portugiesen siedelten um 1537 als erste Kolonisatoren um das heutige Recife bis Moritz von Nassau, deutscher Graf, im Namen der Niederländischen Westindien-Kompanie eine Stadt gründete. Die Herrschaft über die Ländereien wurden bitter verteidigt bis die Portugiesen 1658 das Gebiet übernahmen. Einen Eindruck dieser Machtkämpfe erhielten wir in der 1636 gegründeten ersten südamerikanischen Synagoge. Die Guide vom Tourismusbüro führte uns durch das 1999 auf den Resten des ursprünglichen Gotteshauses neu errichtete Gebäudes. Das Leben der jüdischen Gemeinde während dieser Jahrhunderte, Schicksale von Tod und Vertreibung, Leugnung der Religion, unerkanntes Dasein unter falscher Identität auf dem Lande zeigte uns die Ausstellung deutlich. Viele Erinnerungen, auch an die deutschen jüdischen Gemeinden dieser Epoche, rüttelten uns beim Lesen einiger Namen auf.

Um in die regionalen Musikrichtungen einzutauchen bietet sich das Mueum „Paço (Hof) do Frevo“ an. Tanz und Musik sind seit 2012 von der UNESCO zum „Immateriellen Kulturerbe der Menschheit“ erklärt. Im Museum ist die Atmosphäre aufgeladen mit Bewegung, Liedern und Rhythmen.  Karnevalskostüme und -rituale lassen die Stimmung zu dieser Jahreszeit erahnen. Ein tolles Haus. Für Musikliebhaber ein Muss.

Francisco Brennand - Bildhauer, Maler, Designer
Francisco Brennand im Atelier und im Gespräch mit Besuchern

 

„Das ist eine Skulptur von Brennand. Das Gebäude mit den Solarfenstern ist von Brennand. In die Richtung ist das Institut Ricardo Brennand und dort drüben wieder eine Plastik von ....“ Von wem wohl? Natürlich von Brennand! Wer sind denn nun diese Brennands? 

1820 kam der gebürtige Engländer Edward Brennand nach Brasilien und arbeitete bei einem britischen Eisenbahnbauer. Die Nachfahren dieser Familie erschufen ein Imperium von Unternehmen und gehören zu den reichsten Personen des Landes. Die Gruppe, heute zweigeteilt nach einem heftigen Streit der beiden Hauptanteilseigner, betätigt  sich in den unterschiedlichsten Branchen: Bau, Touristik, Energie, Immobilien uvm. Inzwischen ist die Firma an zwei Söhne übergeben, die den Familienzwist weiterpflegen. 

Einen ungewöhnlichen Weg ist der künstlerisch interessierte und begabte Francisco Brennand gegangen. Ursprünglich galten seine Interessen hauptsächlich der Malerei und Literatur. 1948 entdeckte er bei einer Europareise, dass die europäischen Maler, sich auch dem Gestalten von Plastiken und Skulpturen widmeten. Werke von Picasso, Gauguin, Miró und Chagall begeisterten ihn und er fing an Kunst und Handwerk zu erlernen. Nach Beendigung der Studien übernahm er die Ziegelei seiner Vorfahren, richtete sich dort Werkstatt und Atelier ein und begann zu arbeiten. Heute beherbergt die Oficina Brennand, Park, Werkstatt, Atelier, Ausstellung und Restaurant. Wir wandern zwischen hunderten von Figuren, Köpfen, Popos und phalusähnliche Skulpturen, oftmals überdimensional, aber immer dezent, hindurch. Ein Teil der Gartenanlage wurde von Burle Marx, dem Gartengestalter von Brasilia, entworfen. Wir durchschreiten demütig den Ausstellungsraum und erfreuen uns an der Kunst. Da steht er. Francisco Brennand, 91 Jahre, langer weißer Bart, gebückt, ein Krückstock in der Hand. Er begrüßt uns mit dem Lächeln eines weisen Mannes. Die wachen Augen lassen uns seine Begeisterung spüren, wir kommen ins Gespräch und fühlen uns geehrt. „Wir Künstler sind der Spiegel der Zeit“, gibt er uns als Denkaufgabe mit auf den Weg.

Ricardo Brennand hingegen, der Cousin von Francisco, frönt der Sammelleidenschaft und stellt dem Publikum seine Werke zwischen Kunst und Kitsch in einem 80.000 Km2 Park mit unzähligen Skulpturen und in mittelalterlichen Schlössern zur Schau.

 

Olinda, die Schöne
Olinda

Am nächsten Tag zieht es uns zu einem Abstecher in die, direkt an Recife grenzende, historische Barockstadt Olinda. Seit 1982 gehört sie zum Weltkulurerbe, durchaus berechtigt. Obwohl ich mich manchmal frage, muss denn alles was alt, schön und geschichtsträchtig von der UNESCO geadelt werden. Olinda ist die Stadt der Sakralbauten. So kämpft auch das älteste, südamerikanische Franziskanerkloster mit dem Zerfall. Das Convento de São Francisco wurde 1585 gegründet und die über 300 Jahre alten portugiesischen Kacheln werden mit geringsten finanziellen Mitteln restauriert. Die Altstadt ist ein touristisches Juwel. Der Blick auf die Olinda und Recife sind laden zum Träumen ein. Palmenwald und das Meer bilden Motive für die Instagram-Alben der Besucher. Zur Karnevalszeit putzt sich die Stadt heraus und eine Million Menschen bevölkern tanzend und feiernd Olinda, die Schöne.

 

Tipp 1: Restaurants

                  Chica Pitanga, http://www.chicapitanga.com.br

            Spezialitäten vom Buffet.

            Paraxaxá, https://www.parraxaxa.com.br/html/english.php

            Buffet im typischen Stil der Cangaçeiros, tolle Desserts und Riesenauswahl.

            Entre Amigos, von Seafood, Rind bis hin zu Ziegengerichten ist für jeden Gaumen das Richtige dabei.

                  http://www.entreamigosobode.com.br/boaviagem/?cardapio=frangos

 

Tipp 2: Officina Brennand 

             https://www.brennand.com.br/index.php

             Instituto Ricardo Brennand

             http://www.institutoricardobrennand.org.br

 

Tipp 3: Paço do Frevo, das Museum des Tanzes, der Musik, des Festes: Frevo. 

             Armory Square, Praça do Arsenal da Marinha, s/n – Recife

             https://artsandculture.google.com/exhibit/iwLSJWkGX4uRLQ

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Fotos & Recherche: Ana Maria du Vinage

 

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