Ein Preuße in Wien

Wiener Naschmarkt

Autor: Henri du Vinage

September 2017

Deutschland

 

 

Wien einmal anders. Dem Sprachwirrwarr auf der Spur, Hundertwasser überrascht mit fantasievoller Architektur und der Naschmarkt mit Wiener Schmäh.

Live-Übertragung für jedermann
Wiener Staatsoper - kostenlose Konzertübertragung und Sitzplätze für Zuschauer

Um kurz vor 20:00 Uhr, nach langer Autofahrt, stehe ich vor dem Hotel in Wien. Unbändiges Hungergefühl überkommt mich. Meine Gedanken kreisen um Wienerschnitzel, herzhafte Würste, Gulasch und vorzügliche Desserts. Marillenknödel, Schinken, die keine Schinken sind (Palatschinken), und um leckere Weine. Schnelles Einchecken im Hotel scheint mir für das Überleben notwendig. In Minutenschnelle erledige ich die Formalitäten, bringe das Gepäck auf das Zimmer, erfrische mich und mache mich mit einem flauen, grummelnden Magen auf die Suche nach einem typisch wienerischen Restaurant.

Vorbei an diversen Asia-Fastfood-Läden nehme ich nicht den Charme der Reformarchitektur des 20. Jahrhunderts wahr. Lasse drei italienische Lokale hinter mir, dann ist es endlich soweit. Ein Wiener Restaurant in Wien. Es ist voll. Bei 15 Grad, sitzen einige Gäste draußen. Abgehärtete oder Raucher? Nichts für mich. Ich ergattere einen Tisch im Inneren und falle sogleich über die Speisekarte her. Ein Getränk muss geschwind her. Nach dem ich den ersten Schock verkraftet habe, 1/8 L Wein für 4 €, bestelle ich ein Bier. Der Ober fragt nach: »a Hüsn«? »Nein, ein Bier«. Der hat seinen Spaß. Ich habe Durst. »Meinetwegen, bringen Sie mir das Hüsn«. Das Bier fließt die Kehle herunter und verhilft mir zu neuen Lebenskräften. Da kommt schon wieder der Ober, dieser »Ungustl«, Unsympath, der mich auf den Arm nimmt und sich später doch noch als »Gustl«, Sympath, entpuppt. Unter Umständen lebt man vom Bier allein, aber mir ist nach fester Nahrung. Suppe vorne weg, Hauptspeise danach und Nachtisch muss sein. Suppe mit Frittaten, Wiener Erdäpfelsuppe oder doch die Gulaschsuppe mit Schwammerl. Das ist die Frage. Nachdem die Fremdwörter geklärt sind, bei den Frittaten handelt es sich nicht um Pommes frites, sondern um Pfannkuchen-Streifen, die Erdäpfel sind gewöhnliche Kartoffeln und die Schwammerl sind Pilze, nimmt der Ober die Bestellung auf. Für die Hauptspeise und das Dessert brauche ich noch etwas Zeit. Die Auswahl fällt mir schwer. Entweder zwei Eitrige mit Sauerkraut oder den Altwiener Salonbeuschel. Ich wähle das Wiener Schnitzel mit Pommes. Das war die richtige Entscheidung. So eine locker, fluffige und leicht krustige Panade können nur österreichische Köche zaubern. Ein Genuss. By the way die Eitrige ist eine Brühwurst und unter Beuschel verstehen die Wiener Kalbslunge. Das wäre nichts für mich. Als Nachspeise bestelle ich einen Apfelstrudel. Der Ober fragt mich: »mit Schlagober«? Ich lache und denke nur: «Du Schelm. Willst mich schon wieder durch den Kakao ziehen«, und antworte kurz und schüchtern: »ja, ja«. Bald darauf kommt ein Strudel mit Schlagsahne. Zufrieden und erfreut den Wiener Humor kennengelernt zu haben, verabschiede ich mich von meinem neuen Freund. Gustl taufe ich ihn. Er ruft mir noch ein schlitzohriges Baba hinterher. Ich antwortete Bye Bye.

Am nächsten Tag folge ich der Einladung zu einer Geburtstagsparty und befrage die einheimischen Gäste nach der überall gebräuchlichen Verabschiedung Baba. »Warum sagen die Leute in Wien Baba. Was haben die Amis damit zu tun?« Dieses lang gezogene, rotzige Baba. Keiner kennt den Grund. »Meine Oma hat das auch schon gesagt und die konnte nicht englisch«, heißt es in der Runde. Niemand kann sich einen Reim daraus machen, bis Google hilft. Auf der Seite Sprachperlenspiel findet sich die Erklärung. Die Ursprünge reichen zurück bis in die gut bürgerliche Biedermeierzeit. Dazu gehörte auch die Höflichkeitsfloskel das nicht anwesende Familienoberhaupt des Hauses bei der Verabschiedung die Ehrenbezeigung zu erweisen: »Und einen Gruß an den Herrn Papa«. Daraus entwickelte sich die Kurzform. Die Erklärung ist nett. 

mehr lesen 2 Kommentare



 

Henri du Vinage

Karlsbader Straße 16

63538 Großkrotzenburg

+49 176 543 968 43 

Homepage: https:/www.henri-du-vinage.de

E-Mail: h.duvinage@t-online.de

 

Fotos & Recherche: Ana Maria du Vinage

 

Alle Rechte vorbehalten